Buchbesprechung des Thrillers „Nebel“ von Ragnar Jónasson

von Annemarie Berg
(veröffentlicht in der „Lesebrille“ im Westfälischen Anzeiger)

„Nichts bereitete ihr so viel Genuss wie das Lesen. Ein gutes Buch konnte sie weit, weit weg in eine andere Welt entführen, in ein anderes Land, eine andere Kultur, wo das Klima wärmer und das Leben leichter war.“
Erla freut sich schon auf den Heiligen Abend, ihr Mann Einar wird ihr Bücher schenken und sie wird lesen, bis ihr die Augen zufallen.
Anders ließe sich das Leben auf dem einsam gelegenen Hof in einem abgelegenen Teil Islands auch kaum ertragen. Die Kälte, der Wind, die Einsamkeit, machen Erla zu schaffen. Nun kommt am Heiligabend auch noch ein heftiger Schneesturm, ein Blizzard auf. Im Heulen des Sturms plötzlich ein für Erla und Einar sehr ungewohntes Geräusch: es klopft an der Tür ! Draußen steht ein Mann……
Eine Konstellation, die nicht neu ist in der Kriminalliteratur. Ein dritter kommt in eine vermeintliche Idylle und er hat nichts Gutes im Sinn – das kennen wir aus Filmen und Büchern.
Doch so, wie Ragnar Jónasson es im dritten und letzten Teil seiner Hulda-Trilogie beschreibt, habe ich es noch nie gelesen. Vor unseren Augen entrollt sich ein Panorama von Naturbeschreibung, Spannungselementen und raffinierten Verknüpfungen. Kein Buch, das einen atemlos durch die Seiten hetzen lässt, obwohl der Spannungspegel hoch ist, sondern eines, in dem jeder Satz ein Genuss ist, sprachlich und stilistisch vollkommen.
Neben der Geschichte um Erla und Einar erzählt Ragnar Jonasson auch von Hulda, der Kriminalkommissarin, die ihre Tochter durch Selbstmord verliert und die weiß, was ihr Ehemann getan hat, aber sich damit nicht auseinandersetzen mag.
Hulda soll nun, zwei Monate nach Weihnachten,  aufklären, was in dem einsamen Gehöft an Weihnachten geschehen ist.
Ragnar Jónasson hat uns Hulda in seinem ersten Band „Dunkel“ als alternde Frau vorgestellt, kurz vor ihrer Pensionierung soll sie noch einen alten Fall klären. Im zweiten Band „ Insel“ erleben wir, wie Huldas und Jons Leben auseinanderbricht und der Beruf zu Huldas Lebensinhalt wird.
Jetzt, in „Nebel“, stellt Ragnar Jónasson den besten Band der Trilogie vor, er ist mein „Krimi des Jahres“. Ich empfehle es in der Weihnachtszeit, weil es ein so außergewöhnlicher Roman ist, der viel zu tun mit den Dingen, die uns zur Zeit beunruhigen, vor allem mit der Einsamkeit und was sie aus uns Menschen macht.

Im Nachwort schreibt der Autor „ Ich lese das ganze Jahr über Bücher, aber ganz besonders genieße ich es, an Weihnachten zu lesen. Es ist eine alte isländische Tradition, sich an Weihnachten Bücher zu schenken und dann am heiligen Abend bis spät in die Nacht zu lesen. Und zu meinen Lieblingsbüchern zählen einige, die um Weihnachten herum spielen. Spontan fallen mir ein paar herausragende Beispiele ein, wie Hercule Poirots Weihnachten von Agatha Christie ( 1938 ), Das zwölfte Geschenk von Ellery Queen ( 1958 ), Der Tod eines Schneemanns von Ngaio Marsh (1972) und The Christmas Crimes at Puzzel Manor von Simon Brett ( 1991).“
Ragnar Jonasson
Nebel, btb